Alexandra - Glück und Verhängnis eines Stars

 

Regie: Adelheid Müther
Musikal. Leitung: Dietmar Loeffler
Bühne: Matthias Karch
Kostüme: Suse Braun
Mit: Jasmin Wagner, André Vetters, Stephan Szasz, Susanne Häusler, Helge Bechert, Alexander Hetterle, Anne Rathsfeld, Harald Effenberg, Tilmar Kuhn, Andreas Peschel, Jan Maihorn

Termine

Für dieses Programm sind derzeit noch keine weiteren Aufführungen geplant.

Ein Stück von Michael Kunze

ALEXANDRA erzählt die Geschichte vom Aufstieg der jungen Folkloresängerin Doris Nefedov zur gefeierten "Stimme der Sehnsucht". Ihr tragisches Leben, ihre markanten Lieder und ihr mysteriöser Tod haben aus der Schlagersängerin Alexandra einem legendenumwehten Mythos gemacht.

Die junge Folksängerin mit osteuropäischen Wurzeln will unbedingt Karriere machen, ohne sich von der Musikindustrie in ein Klischee pressen zu lassen. Doch beeinflusst von ihrer Leidenschaft für erfahrene Männer, verwirrt und erschöpft vom Trubel der einsetzenden Popularität, lässt sie sich doch führen und manipulieren.

Erst die Liebe zu dem viel älteren Jaques, der nichts mit der Musikbranche zu tun hat, scheint die entscheidende Wendung zu ermöglichen. Mit seiner Hilfe will Alexandra ihre künstlerische Selbstbestimmung erlangen. Raus aus der Schublade „Russische Folkloresängerin“, hin zum Chanson der Güteklasse eines Gilbert Bécaud oder einer Juliette Gréco. Doch dann erfährt sie, dass auch der undurchsichtige Jaques sie nur für eigene Zwecke benutzt. Jetzt will sie erst recht nur noch auf die eigene Stimme hören. Da endet ihr Leben durch einen unerklärbaren Autounfall. Mord oder Unglück?

Überlebt haben ihre Lieder, die auch noch rund 45 Jahre später den Zuhörer auf eigentümliche Art berühren: Zigeuner Junge, Mein Freund der Baum, Schwarze Balalaika, Sehnsucht, Illusionen u.a.


Foto: DERDEHMEL

HÖRBEISPIEL 1: Mein Freund der Baum
HÖRBEISPIEL 2: Zigeunerjunge


Vorberichte der Presse:

- Tagesspiegel
- Morgenpost


INFORADIO BERICHT zur URAUFFÜHRUNG:

- Alexandra mp3


Ausführliche Pressekritiken:


BERLINER ZEITUNG
16.10.2011
"ALEXANDRA"

Keine Sehnsucht nach der Taiga
Von Birgit Walter

Erstaunlich gut: Jasmin Wagner, einst Blümchen, spielt Alexandra.

BERLIN – Und nicht nach Gartenlauben-Musik: das Drama der Sängerin Alexandra hatte Premiere im Schlosspark-Theater. Jasmin Wagner entwickelt einen kräftigen Resonanzraum für ihre Lieder, ohne sich als Abziehbild von Alexandra zu gebärden.
Plattenbosse müssen nicht irren. In den 60er-Jahren wussten sie, dass in dem Namen Doris Nefedov so viel Karrierecharme steckt wie in Liese-Lotte Bunnenberg. Dass Lale Andersen als Liese-Lotte Bunnenberg die gleiche Laufbahn genommen hätte, ist nicht gesagt. Auch die junge Doris aus dem Memelland, geschieden mit Kind, sollte den Plattenleuten dankbar sein, dass sie auf einem Künstlernamen bestanden, dass aus ihr die Sängerin Alexandra werden konnte. Der Name entfaltete Assoziationen, klang sentimental nach russischer Seele. Und noch heute haben Menschen, die damals schon gelebt haben, bei diesem Namen eine Handvoll Lieder mitsingbereit: "Zigeunerjunge", "Sehnsucht", "Schwarze Balalaika", "Mein Freund der Baum", umgedeutet zum ersten deutschen Öko-Song. Sie alle sind zu hören in dem Theaterstück "Alexandra", das am Sonnabend im Schlosspark-Theater Premiere hatte.
Ja, natürlich wird live gesungen. Obwohl man weiß, dass niemand singt wie Alexandra, 1969 im Alter von 27 verunglückt, und dass es keinen erfolgreichen Versuch gab, ihre Lieder neu in die Verwertungskette zu schicken. Die abgründige Rauchzartstimme des Originals wäre nicht zu imitieren. Jasmin Wagner entwickelt dennoch einen kräftigen Resonanzraum für ihre Lieder, ein warmes volles Timbre mit enormer Stimmsicherheit, und zwar ohne sich als Abziehbild von Alexandra zu gebärden, ganz erstaunlich. Wagner, 31, war in den 90ern als Blümchen die erfolgreichste deutsche Sängerin, verkaufte als Techno-Girlie mit hellem Stimmchen Millionen Platten ("Herz an Herz") und hat damit vor zehn Jahren aufgehört, für immer. Sie bekam das hin ohne jede Larmoyanz über den hässlichen Popmarkt. Zu ihrer neuen Orientierung gehören nun Schauspiel und eigene Lieder.

Mit höchstem Wohlwollen aufgenommen
Die Rolle der Alexandra steht sie ziemlich bravourös durch, wie das ganze Stück (Regie: Adelheid Müther) vom Publikum mit höchstem Wohlwollen aufgenommen wird. Die Abwesenheit von scheußlichen Kostümen, starrem Bühnenbild, gelegentlich aufgesagten Dialogen in Kombination mit ein bisschen Lichtregie würde das Stück noch beflügeln. Der Glamour der Showwelt und die Sparsamkeit unsubventionierten Privattheaters, hier verträgt sich das nicht. Jasmin Wagner indes zeigt keine Unsicherheit, wenn auch ihre ewig gleiche offenherzige Freundlichkeit keine Wandlung erkennen lässt von der naiven Doris hin zur depressiven, tablettensüchtigen, launischen Alexandra. Nicht mal, wenn sie ein Weinglas über dem Manager ausschüttet.
Das hat mit der Karriere von Alexandra zu tun, die ja nur drei Jahre dauerte, aber ihren Grundkonflikt schon am Anfang austrägt: Die Schlagersängerin wollte keine Schlagersängerin sein. "Ich habe keine Sehnsucht nach der Taiga!" rief sie schon bei ihrer ersten Plattenaufnahme. Das klingt wie Gartenlaube! Sie wollte so etwas sein wie die deutsche Juliette Gréco oder Joan Baez, die Welt verbessern, Karriere machen, aber nicht herumschnulzen. Chansons? erwiderten voll Ekel die Plattenbosse, das sind doch Schlager der schlimmsten Sorte! Blei in den Regalen! Und was sollen wir mit einer deutschen Joan Baez, wenn wir nicht mal die amerikanische verkaufen, haha. Sie waren irritiert vom heiligen Ernst, mit dem Alexandra ihre Arbeit anging, aber ihr Potenzial und Charisma, das erkannten sie.

Die Merkwürdigkeiten aus Alexandras Leben
Der Autor Michael Kunze erzählt die Geschichte in ihren herrlichen Einzelheiten, und zwar von ihrem Ende her, als Rückblick aus dem Himmel. Kunzes Dramen haben immer mit dem Tod zu tun, er ist der allgegenwärtige Gegenspieler oder ganz die Hauptrolle wie in den Musicals "Elisabeth" oder "Tanz der Vampire". Auch dieses Stück zieht seine Spannung nicht aus dem flatterigen Leben Alexandras, die den Sohn bei ihrer Mutter abstellt, während sie sich auf Glücksuche macht in zahllosen Tourneen und Affären (auch mit Adriano Celentano und Carlos Jobim, aber keinesfalls mit Karel Gott). Es zieht die Spannung aus den Mythen um ihren Tod.
Alexandras Manager Hans Beierlein, ein Mann, der selbst aus der "Internationale" Millionen-Tantieme zog, glaubte ja immer an den Autounfall einer grottigen Fahrerin. Tatsächlich klebte das Armaturenbrett voller Zettel mit Gebrauchshinweisen. Das Stück aber legt seinen Focus auf all die Merkwürdigkeiten in Alexandras Leben. Der Vater ihres Sohnes war ein nach Amerika übergesiedelter Russe, ihr letzter Liebhaber ein CIA-Agent mit falschem Namen, ein Verwandter arbeitete für die Stasi, einer für den MAD. Sie selbst hatte für sich einen Friedhofsplatz gekauft und ein Testament verfasst, bevor sie mit Mutter und Sohn in das neue Cabrio stieg und ungebremst auf eine Kreuzung raste statt in den Urlaub. Nur ihr Sohn hat überlebt und der Mythos. So ein Leben verdient ein Stück.


Der Tagesspiegel
16.10.2011
Von Christian Schröder

Das Musical „Alexandra“ im Schlosspark-Theater erzählt von den Abgründen der Schlagerbranche. In der Hauptrolle überzeugt Jasmin Wagner

Schlagersänger, so weiß das Klischee, sind die Knechte einer gnadenlosen Entertainmentindustrie. Statt wie die Singer-Songwriter der Rockwelt Songs zu singen , die aus ihrer Seele kommen, müssen sie Titel trällern, die ihre Plattenfirma zielgruppengenau für sie ausgesucht hat. Wenn sie Herz auf Schmerz reimen, ist darin immer auch der Schmerz dieser „Interpreten“ (Dieter Thomas Heck) über die entfremdete Arbeit zu spüren, die sie im gleißenden Licht der Scheinwerfer zu verrichten haben. In jedem Klischee steckt ein Kern Wahrheit. Das musikalische Drama „Alexandra“, das jetzt im Berliner Schlosspark-Theater seine umjubelte Uraufführung feierte, verspricht im Untertitel, vom „Glück und Verhängnis eines Stars“ zu handeln, erzählt aber vor allem vom Verhängnis.

Zum Verhängnis wurde der Sängerin, die schon mit 27 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam, dass sie immer wieder an die falschen Männer geriet, an deutlich ältere Liebhaber, in denen sie einen Vaterersatz suchte, und an Produzenten und Manager, die in ihr keine Künstlerin, sondern bloß die Erfüllungsgehilfin sahen. „Ich möchte eine Sängerin sein, die etwas zu sagen hat“, verkündet die von Jasmin Wagner kongenial verkörperte Alexandra gleich zu Beginn. Doch zuhören wollte ihr in den späten sechziger Jahren, als die deutsche Musikindustrie trotz beginnender Studentenrevolte immer noch ein knallhartes Machogewerbe war, niemand.

Das von Adelheid Müther als musikalisch locker verknüpfte Nummernrevue inszenierte Stück ist neben dem biografischen Reigen auch ein Enthüllungsdrama. Ein Insider rechnet da mit den Schattenseiten seiner Branche ab. Autor Michael Kunze war, bevor er zum Musical-Schreiber mit Broadway-Erfolgen aufstieg, einer der profiliertesten deutschen Texter, der etwa für Udo Jürgens den Hit „Griechischer Wein“ lieferte. Für ihn ist Alexandra eine Rebellin. Bei einem Aushilfsjob leert sie im Streit den Mülleimer auf dem Schreibtisch ihres Chefs aus, einem Fotografen, der sie mit „putzig, die Kleine“ anonkelt, entgegnet sie: „Ich bin weder putzig noch klein“. Als sie nach „Schwarzer Balalaika“ und „Zigeunerjunge“ ein weiteres Stück aufnehmen soll, das sie auf die Rolle der slawisch raunenden Melancholikerin festlegt, zerknüllt sie das Textblatt und faucht „Kitsch!“.

Am Ende singt sie den Song dann doch, und „Sehnsucht“, dieses „alte Lied der Taiga“, wird wieder ein Hit. „Das Dumme an Träumen ist“, heißt es kalenderspruchartig in dem Stück, „dass sie manchmal wahr werden“. So beginnt die Sängerin, die eigentlich Doris Nefedov heißt, bald in der dritten Person über Alexandra zu reden, diese Erfindung ihres Managements. Auf einer Bühne, die mit ihren Stahlskulpturen an ein psychedelisches Pop-Art- Fernsehstudio erinnert, entfaltet sich die Tragödie einer Frau, die mit umgehängter Gitarre für ihre künstlerische Emanzipation kämpft. „Ich bin nicht eure Puppe!“, fährt Alexandra ihre Entourage an und fängt an, eigene Verse zu schreiben. Zunächst floppt die Ballade „Illusionen“, für die Udo Jürgens die Musik komponiert hat. Doch dann steigt „Mein Freund der Baum“, diese Hymne der aufkommenden Umweltbewegung, zum Klassiker auf. In die politischen Scharmützel ihrer Zeit gerät die Sängerin eher aus Unbedarftheit. Sie lässt sich als erste westdeutsche Künstlerin nach dem Krieg bei einer Tour durch die Sowjetunion feiern und verkündet auf Druck ihres Managers demonstrativ ihre Abreise von einem Festival im polnischen Sopot, als die Panzer des Warschauer Pakts den Prager Frühling niederwalzen. Zum Ereignis wird „Alexandra“ dank der Hauptdarstellerin. Jasmin Wagner, als „Blümchen“ selber einmal ein Tralala- Sternchen, kopiert ihr Vorbild nicht. Statt mit glühender Altstimme singt sie Alexandras Lieder mit strahlendem Sopran – und trifft damit genau den richtigen Ton. Im Finale ergeht sich das Stück vor einer Projektion des zerstörten Mercedes-Coupes der Sängerin in Verschwörungstheorien. Hatte der KGB seine Hand im Spiel? Oder die CIA? Warum kaufte Alexandra kurz vor dem Unfall ein Grab? Fest steht: An diesem Tag im Juli 1969 verlor Deutschland an einer Kreuzung bei Dithmarschen eine seiner größten Pop-Hoffnungen.


SPREERADIO 105,5
16.10.2011
Peter Bosse

Es brummt im Steglitzer Schlosspark Theater, die Liste der prominenten Gäste wird immer länger und der Beifall ständig lauter, - zu Recht, denn mit der Uraufführung des von Michael Kunze verfassten Lebenslaufes der jungen Sängerin Alexandra, ist ein neues Bühnenwerk dem Berliner Publikum vorgestellt worden, das mit Sicherheit von vielen heimischen Musentempeln nachgezeichnet wird und selbst im Ausland auf lebhaftes Interesse stoßen dürfte. Kunze hat alle Sentimentalitäten schlicht weggelassen, hat das Umfeld dieser begabten Interpretin in winzigen Szenen menschlich gezeichnet und die Konflikte für den Zuschauer begreifbar gemacht. Adelheid Müther, die zunächst vom Schauspiel kommt, sich aber längst erfolgreich im Fach Regie tummelt, hat auch hier nicht nur Alexandra, sprich Jasmin Wagner, hinreißend durch den Dschungel der Unterhaltungskunst geführt, sie hat in einem tollen, neutralen Dekorationsbild acht Mimen und zwei Musiker Ideen vermittelt, die dem Publikum das Mädchen mit der nasalierenden, dunklen Stimme sofort wieder in Erinnerung bringt. Jasmin Wagner schlüpft auch in die Figur der Alexandra hinein, trägt ohne Lampenfieber ein gutes Dutzend der Chansons und Liedschlager vor und überzeugt. Das tolle an dem Abend ist, dass wir nach der Vorstellung betroffen feststellen, das war ja jüngste Geschichte. Alexandra hätte uns aber noch heute viel zu sagen, warum nur ist sie uns schon so weit entrückt, oder ist sie uns genommen worden? Das auffällig junge, begeisterte Publikum geht dieser Frage vielleicht nach, wir, die wir Alexandra live gehört haben, helfen ganz sicher. Das Schlosspark Theater gab den Anstoß.