Besuch bei Mr. Green - Voraufführung

 

Regie: Philip Tiedemann
Bühne: Stephan von Wedel
Kostüme: Stephan von Wedel
Mit: Michael Degen, Steffen Schroeder

Termine

Für dieses Programm sind derzeit noch keine weiteren Aufführungen geplant.

16,00€ Einheitspreis auf allen Plätzen

Von Jeff Baron - Deutsch von Ulrike Syha
Musik: Jörg Gollasch


Foto: DERDEHMEL

Ross (Steffen Schroeder) ist vom Gericht verurteilt worden, einmal pro Woche den 86-jährigen Mr. Green (Michael Degen) zu besuchen und ihm bei alltäglichen Erledigungen zur Hand zu gehen. Doch der resolute Alte will überhaupt nicht einsehen, warum ihm jemand im Haushalt helfen soll. Und wer ist dieser fremde Mann überhaupt? Als Ross ihm erklärt, dass er in den Verkehrsunfall verwickelt war, bei dem Mr. Green gestürzt ist, steht sein Urteil fest: Mörder! Andererseits, nun ist der junge Mann schon mal da und er hat Suppe mitgebracht, soll man etwa gutes Essen vergeuden?

So lernen sich Mr. Green und Ross, der von nun an jede Woche kommt, nach und nach kennen. Ross erfährt von Mr. Greens kürzliche verstorbener Frau Yetta, mit der es angeblich in über 50 Ehejahren keinen Streit gab. Und Mr. Green horcht zum ersten Mal auf, als er erfährt, dass Ross auch Jude ist, selbst wenn er den Unterschied zwischen milchyck und flayshick nicht kennt – vielleicht lässt sich doch noch ein Mensch aus ihm machen. Doch dann muss Ross plötzlich feststellen, dass seine Ignoranz gegenüber jüdischem Brauchtum nicht das Einzige ist, was bei Mr. Green auf völliges Unverständnis stößt. Unversehens findet sich der junge Mann in einer Rolle wieder, mit der er schon seit Jahren hadert: Er muss sich für das rechtfertigen, was er ist. Dass es zwischen ihm und Mr. Green schließlich doch noch zu einer Versöhnung und vielleicht sogar zu einem Moment tiefen Verständnisses kommt, hat nicht nur mit einem dunklen Geheimnis von Mr. Green zu tun, sondern ist vielleicht sogar das Verdienst der sanftmütigen Yetta.

Man kann die Wahrheit auch mit Humor sagen und ertragen.


Foto: DERDEHMEL

Besuch bei Mr. Green kam 1997 am New Yorker Union Square Theatre heraus und lief dort über ein Jahr lang en suite. Seitdem wurde es in 22 Sprachen übersetzt und in 40 Ländern aufgeführt. Die deutschsprachige Erstaufführung war 1997 am Grenzlandtheater Aachen, es folgten mehr als 30 weitere Produktionen. Das Stück gewann unter anderem den Inthega Preis für die beste Tourneeproduktion, die Produktion des Theaters in der Josefstadt (mit Fritz Muliar als Mr. Green, in der Regie von Franz Morak) wurde 2001 mit dem KulturPreis Europa ausgezeichnet. Jeff Baron lebt in New York und schreibt Theaterstücke, Opernlibretti und Drehbücher.

Der Sieg des Prinzips Hoffnung
Das Schlosspark Theater lädt zum einsichtsreichen »Besuch bei Mr. Green«

Wie im Nebel sieht man einen Mann unter einer Lampe in seinem Zimmer, langsam tattert er zum Tisch, als es an der Tür klingelt. Herein tritt Ross, ein junger Mann, vom Richter verdonnert, dem Alten einmal wöchentlich zu helfen. Denn Ross verantwortet einen Verkehrsunfall, bei dem dieser Mr. Green zu Fall kam. Sozialdienst lautet die Auflage.

Da stehen sie sich gegenüber, der störrische Alte, der Hilfe ablehnt, und der Sturzverursacher: Ein Mörder in meiner Wohnung! schreit Green ihn an. Ross soll den Auftrag absagen, doch der Apparat ist nicht angeschlossen. Nächsten Donnerstag kommt Ross wieder, hat Essen dabei, eine Suppe, koscher natürlich, denn Green ist praktizierender Jude. Warum also soll man gutes Essen vergeuden? Mit einer Suppe beginnt sie, die Kontaktnahme zweier Fremder.

Das ist die Konstellation in Jeff Barons Zwei-Personen-Stück »Besuch bei Mr. Green«, mit dem er 1996 seinen ersten Hit fürs Theater landete, ab 1997 en suite dann über ein Jahr in New York gespielt, seither in 40 Ländern aufgeführt. Philip Tiedemann schuf die Inszenierung fürs Schlosspark Theater, ließ sich dafür von Stephan von Wedel die düstere Bühne bauen und von Jörg Gollasch eine leis dezente Musik komponieren. All dies aber ordnet sich dem Wort unter, wie es sich in brillanten Dialogen entfaltet. Yettas Suppe freilich war besser, mäkelt Mr. Green. Vor acht Jahren starb sie, mehr lässt er sich nicht entlocken.

Bei seinem nächsten Besuch findet Ross den 86-Jährigen hinter einem Vorhang, gestürzt, dennoch nicht weniger widersetzlich. Die Suppe indes schlägt er nicht aus. Knorrig, knurrig, kauzig, trotzig ist der Alte, bis Ross entrutscht, er sei ebenfalls Jude. Beim nächsten Besuch öffnet Green selbst ihm die Tür, gemeinsam speisen sie da schon. Green wird leutseliger. Ross revanchiert sich: Er arbeitet bei American Express, verdient gutes Geld. Dann soll Gott dir eine Frau schicken, rät Green. Und erwischt so Ross‘ dunklen Punkt, bis er genervt gesteht, er sei schwul. Was Green aufs äußerste vergnatzt.

Beim Wiedersehen bleibt er zugeknöpft: Jüdische Jungs sind nicht so! Auch Ross fühlt sich nicht frei, hat Paul, den Freund, verleugnet, weil der Vater empört reagierte. »Das« ist schmutzig, schimpft Green, Gott wollte das nicht! Handfester Streit eskaliert: Ihr vernichtet Juden, beendet Hitlers Werk, versteigt er sich. Komm nicht wieder, verabschiedet er Ross, lässt dabei vorsichtshalber die Tür sperrangelweit offen. Und verplappert sich in seiner Wut: Wer sich nicht an die Gesetze halte, sei für ihn tot - wie seine Tochter. Die hatte, kommt heraus, einen Nicht-Juden geheiratet, ihre Kinder seien nicht Greens Enkel. Judesein und Schwulsein, das könne man doch nicht vergleichen, wettert er und sieht nur mühsam ein, dass auch Minoritäten erst Toleranz geben müssen, ehe sie Toleranz fordern dürfen.

Das ist die Botschaft des Dialogs zweier großartiger Protagonisten. Als verbohrter Green liefert Michael Degen eine Charakterstudie ohne jedes Zuviel an Gestik, wortpräzis und häufig mit entwaffnender jiddischer Pfiffigkeit. Steffen Schroeders Ross ist erst heißspornig, dann hilfsbereit, schließlich verletzt, und doch fühlt er sich Green verbunden. Wie sich die beiden als Menschen finden und das Prinzip Hoffnung siegen lassen, beendet einen großen Abend des Theaters.


NEUS DEUTSCHLAND (19.12.2011 / Berlin / Brandenburg)

In Zusammenarbeit mit: