GRUSSWORT

Das Grusswort von Dieter Hallervorden.

Verehrte Zuschauer!

Es naht - wie jedes Jahr - die schwere Zeit für alle Theater:
Die Sommermonate, wo laue Abendluft, Biergärten und Grillabende eine verlockende Abwechslung bieten.

Zusätzliche Erschwernis: Die Fußballweltmeisterschaft. Und obwohl die Ballkünstler dort nur unschuldige Grashalme, bandagierte Schienbeine, ungeschützte Gesichtspartien und kreisrundes Leder maltraitieren, rangiert dieser Sport in der Beliebtheitsskala tatsächlich noch vor Sex auf Platz1.

Und während Sie, liebe Zuschauer, in der Glotze womöglich nur zugucken, wie 22 überwiegend tätowierte Männer einem aufgeblasenen Ball hinterherhecheln in dem Bemühen, mit selbigem brutal ein Netz auszubeulen, das den Spielern nicht das Geringste getan hat - während all dem wartet hier im Theater das wirklich wahre Leben auf Sie.

Schauspieler spielen nicht gegeneinander, sondern miteinander.
Im Theater ist nur derjenige im "Abseits", der nicht hingeht. Und "Hand" ist im Theater ausdrücklich erwünscht, sogar im Plural, nämlich beim Applaudieren. Und `n "Elfer" gibt es bei uns im Theater auch, sogar mehrmals: In jeder Sitzreihe einer! Auch "Seitenwechsel" findet bei uns statt: Immer, wenn die Drehbühne in Aktion ist.

Ich glaube: Theater gehört zu den schönen Künsten. Und Kunst streichelt bekanntlich den Staub des Alltags von der Seele.
Also: Bitte spielen Sie bei uns "Schiedsrichter" und zeigen dem Fußball ruhig mal die "rote Karte" !

Freundlichst

P. S.: Unbedingt - wie es in der Fußballsprache heißt - unbedingt "einwechseln":
Einen Besuch des "Lügenbarons". Kann ich übrigens aus eigener Erfahrung wärmstens empfehlen. Denn bei der umjubelten Uraufführung in Paris hab' ich mich beinah bep...t vor Lachen ....